Welttag des Stotterns: Wenn der eigene Name Angst einjagt

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WORMS – Ihr Name war ihre größte Angst. Beate Köhler. Ein ganz normaler Name. So einfach. Und doch so schwierig. „Beate Köhler, hallo!“ Wie sollte ihr das nur fehlerfrei und ohne Stottern über die Lippen gehen? „Der Albtraum waren Vorstellungsrunden“, sagt Beate Köhler. „Für seinen Namen kann man sich kein anderes Wort überlegen, wenn das eigentliche Wort nicht raus will. Der Druck war groß.“ Sich auf die Schnelle im Kopf umentscheiden, um ein anderes Wort zu benutzen, das hat die Chemikerin häufig getan. Seitdem sie im Alter von sieben Jahren quasi über Nacht mit dem Stottern anfing, bestimmt dieses Thema ihr Leben. Heute ist Köhler 34 Jahre alt. Hinter ihr liegen mehr als 25 Jahre, in denen sie stark gestottert hat. „Es war außer Kontrolle“, wie Köhler selbst sagt.

Zum Welttag des Stotterns, der am 22. Oktober auf die Problematik mit dem Sprechfluss hinweisen will, möchte Köhler ihre Geschichte erzählen. Den Menschen, die betroffen sind, Mut machen. Dass alles gut werden kann. Wenn man heute mit Köhler spricht, fällt auf, dass sie flüssig erzählt. Sie stockt kein einziges Mal, verhaspelt sich nicht. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese Frau zu ihren schlimmsten Zeiten ihren Namen nicht sagen konnte. Den nennt sie gleich zu Beginn des Gesprächs. So wie man das halt macht – bei Menschen, die nicht um jeden Laut ringen müssen, die nicht darüber nachdenken müssen, was wäre wenn. „Unsere Welt basiert auf Kommunikation“, weiß Köhler. Auch wenn E-Mails und Kurznachrichten heutzutage schon viele Gespräche im Alltag ersetzt haben, bedeutet Kommunikation vor allem das gesprochene Wort. Eine Erfahrung, die für Köhler mit schmerzlichen Erlebnissen verbunden war.

Der Vorname, dieses schlimme Wort

Sie hat Luft geholt und gemerkt, dass das „B“ von Beate nicht über ihre Lippen wollte. Obwohl ihr Vorname, dieses schlimme Wort, in ihrem Kopf war. Sie hat die Buchstabenfolge vor sich gesehen. „Ich habe gekämpft, mein Körper war ganz verkrampft.“ Oft lief ihr Gesicht rot an, wenn es mit den Lauten haperte, sie schwitzte stark. Für den Fall, dass es gar nicht klappen wollte mit dem Sprechen, hatte Köhler Block und Stift dabei. Mögliche Gesprächsverläufe hat sie im Vorfeld durchdacht. Was muss ich sagen, wenn die Verkäuferin beim Bäcker mich fragt, welche Brötchen ich haben will? Was, wenn der Bäcker keine Brötchen mehr mit Sonnenblumenkernen hat? Das muss wohl überlegt werden. So wie ein Fußballtrainer, der sich bei seiner Aufstellung schon Gedanken macht, was passiert, wenn der gegnerische Trainer für die letzten 20 Minuten seinen lange verletzten Starstürmer einwechselt. Welche Verteidiger können Cristiano Ronaldo dann bearbeiten, damit der nicht das alles entscheidende Tor schießt?

Das Gedankenkarussell bei Beate Köhler hat sich gedreht und gedreht. „Ich habe mich sehr schlecht gefühlt.“ Augenkontakt vermied sie. Nicht auszudenken, wenn sie jemand spontan angesprochen hätte. Was hätte sie da nur sagen sollen? Mit den Jahren zog sich Köhler immer mehr zurück: „Ich nahm eigentlich nicht am Leben teil.“

800.000 Menschen in Deutschland stottern

Aber sie gab nicht auf, arbeitete hart an sich. Mit dem Ergebnis, dass sie seit einigen Monaten sogar Reden hält. Dass sie sich traut, mit der Zeitung ein Interview zu führen. Dass sie ihre Geschichte erzählt, um anderen Mut zu machen. Dass diese Menschen sich nicht verstecken müssen. Und es gibt weit mehr Betroffene, als man denken mag. Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe schätzt, dass es unter den Erwachsenen in Deutschland mehr als 800.000 Stotterer gibt. Rein statistisch gesehen müsste es in Worms und im Wonnegau also mehr als 1.000 Menschen geben, die Probleme mit dem Sprechen haben. Das wäre ein kleines Dorf. „Stottern ist eine Redefluss-Störung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, das gibt es immer wieder“, sagt Monika Roos. Die staatlich anerkannte Logopädin aus Worms erklärt, dass es „mannigfaltige Gründe“ fürs Stottern gebe. Jeder Stotterer sei anders und stottere in unterschiedlichen Situationen.

Den „einen“ Fall gibt es nicht. Viele stottern bei bestimmten Buchstabenkombinationen mehr als bei anderen. Zum Beispiel „mi“, „ma“ oder eben „we“, wie bei unserer Grafik auf dieser Seite dargestellt. Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe betont auch, dass die Ursachen des Stotterns bisher noch nicht ausreichend erforscht seien. „Stotternde Menschen sind auch nicht weniger intelligent. Leider sind solche Vorurteile in der Bevölkerung immer noch sehr verbreitet. Stottern ist eine Störung des Sprechablaufs“, teilt die Interessenvertretung mit Sitz in Köln mit.

„Das Stottern kann man sich wie einen Eisberg vorstellen”

Die Chemikerin Köhler ist das beste Beispiel dafür, dass es bei Stotterern nicht an Intelligenz mangelt. Die 34-Jährige wurde in Gießen geboren und wohnt mittlerweile aus beruflichen Gründen in Hamburg. Sie lebte aber zuvor viele Jahre in der Metropolregion. Worms, Heidelberg, Mannheim, da kennt sie sich aus, da ist sie auch immer noch mit dem Herzen zu Hause. Auch der Familie wegen, die in der Region lebt.

Köhler glaubt, dass viele Stotterer im Stillen leiden, dass sie so viele Taktiken entwickelt haben, dass sie nicht auffallen. „Das Stottern kann man sich wie einen Eisberg vorstellen. Zehn Prozent sind über der Oberfläche“, erzählt Köhler. Die Verkrampfung, die Wörter und Silben, die nicht ausgesprochen werden können, das ist für die anderen sichtbar. Aber noch weit mehr spielt sich unterhalb der Oberfläche ab, im Kopf des Betroffenen, unsichtbar für sein Gegenüber. „Da sind die Scham, die Gefühle, die Angst, die Vermeidungsstrategien.“ Und da ist auch viel Hoffnungslosigkeit, dass das Leben nie besser wird.

Übungen zur Atem- und Sprechtechnik helfen

„Das Stottern ist nicht heilbar, aber man kann es in den Griff kriegen“, sagt Köhler. Sie selbst schaffte es mit einem Stottererprogramm, das aber kostenpflichtig ist. Atem- und Sprechtechnik, auch psychologische Aspekte wie mentales Training spielten eine Rolle bei dem Programm. Köhler muss weiterhin regelmäßig üben und an sich arbeiten. Sonst hätte sie das Stottern nicht unter Kontrolle. Wer wie Köhler sein Stotter-Problem therapieren will, kann sich als erste Anlaufstelle bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe informieren (www.bvss.de). Bei ihr findet sich auch eine Liste mit Selbsthilfegruppen. Wie Logopädin Roos berichtet, gibt es in Worms keine Selbsthilfegruppe. Das Problem ist deshalb hier aber nicht weniger verbreitet. Auch in Worms leben Menschen, deren größte Angst ihr eigener Name ist.

Von Claudia Wößner. LINK: Nachrichten Worms21.10.2017

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2018-01-17T22:03:41+00:00
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