Aktion zum Welttag des Stotterns am Sonntag in Darmstadt

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DARMSTADT – Allein die Vorstellung, ihren Namen sagen zu müssen, brachte Beate Köhler (34) noch vor zwei Jahren ins Schwitzen. Heute hat sie die Kontrolle übers Stottern erlangt. „Ich kann in Situationen sprechen, von denen ich früher nur geträumt habe“, erzählt sie: „Ich telefoniere gerne, halte Reden, gehe ohne Angst auf Menschen zu und helfe selbst anderen Menschen, ihr Stottern zu besiegen“.

Über die Ursachen ist wenig bekannt

Als Stottern bezeichnet man eine Unterbrechung des Redeflusses durch Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen. Bundesweit sind mehr als 800 000 Menschen betroffen. Bei Beate Köhler – ein Teil ihrer Familie lebt in Darmstadt, ihre Schwiegereltern im Odenwald – kam das Stottern über Nacht, als sie sieben Jahre alt war. Ganz plötzlich, warum, weiß sie nicht. „Stottern ist noch immer nicht richtig erforscht, über die Ursachen weiß man wenig“. Meist sind es mehrere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Die Sprachstörung ist unheilbar und so individuell wie die Menschen selbst.

Beate Köhler litt von Anfang an unter starken Blockaden. Das Allerschlimmste waren für sie Situationen, wenn sie ihren Namen sagen musste. „Für meinen Namen konnte ich mir kein anderes Wort überlegen“, erklärt sie. Ein Horrorszenario. Sie verkrampfte, schwitzte, brachte kein Wort heraus. „Es war richtig schlimm“, erinnert sie sich. Sie ging beispielsweise nicht mehr ohne Zettel und Stift aus dem Haus, vermied es, zu telefonieren und sie vermied Augenkontakt, weil sie Angst davor hatte, angesprochen zu werden. „Dann hätte ich ja meinen Namen sagen müssen.“

Ihre Familie unterstützte sie all die Jahre, Kontakte zu Leuten, die sie nicht kannte, versuchte sie jedoch zu vermeiden. Die Folge: Beate Köhler zog sich immer mehr vom Leben zurück. „Durch mein Stottern konnte ich den Leuten nicht zeigen, wer ich wirklich bin“, sagt sie heute. Positiv sei allerdings gewesen, dass sie immer wieder auf Menschen traf, die hinter ihre Fassade schauten – und die ihr auch in schweren Zeiten zur Seite standen, ihr Selbstbewusstsein stärkten und sie ermutigten.

Nach Angaben der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe lässt sich Stottern mit einer qualifizierten Therapie in jedem Alter gut behandeln. „Auch wenn nach der Pubertät eine Heilung eher unwahrscheinlich ist, kann der Redefluss so verändert und erleichtert werden, dass es keine wesentlichen Beeinträchtigungen im Gespräch mehr gibt“, heißt es dazu bei der Bundesvereinigung.

Vor zwei Jahren fand auch Beate Köhler das richtige Training für sich. „Das muss jeder für sich herausfinden, was ihm guttut“, sagt sie. Bei ihr war es die McGuire-Methode, ein Programm, das Sprachtechnik und ein mentales Training umfasst. „Ich will die Kontrolle übers Stottern erlangen – das ist leichter zu erreichen als Perfektion“, sagt sie. Der Erfolg gibt ihr recht. „Heute kann ich in Situationen sprechen, von denen ich früher nur geträumt habe: ich telefoniere gerne, halte Reden, gehe ohne Angst auf Menschen zu und helfe anderen Menschen, die stottern dabei, ihr Stottern zu besiegen“, freut sie sich. Trotzdem übt Beate Köhler noch regelmäßig und sie nutzt die McGuire-Kontakte, um sich mit anderen Stotterern auszutauschen: „Man fühlt sich nicht alleine, das ist das Gute daran.“ Und es kann auch heute immer mal wieder vorkommen, dass ein Wort zum Problem wird, und es sich nicht einfach aussprechen lässt. Wenn nötig, übt sie dann solange, bis die Angst weg ist und sie die Kontrolle erlangt: „Irgendwann wird das Wort dann regelrecht langweilig, dann ist es vorbei.“

Von Sabine Schiner. LINK: Darmstadt18.10.2017

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2018-01-17T22:11:20+00:00
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